AG 8: Interdisziplinäre Ansätze

Die BION-Partner zeichnen sich durch eine große Methoden- und Perspektivenvielfalt aus. Es sind nicht nur Partner aus unterschiedlichen biologischen und anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen sowie aus kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern, wie Ökonomie und Sozialwissenschaften beteiligt, sondern auch aus normativen Disziplinen wie Ethik und Recht. Darüber hinaus engagieren sich praktisch-strategische Partner etwa aus den Bereichen Wirtschaft, Politik, Bildung oder der NGOs. In der AG "Interdisziplinäre Ansätze" wird man daher nicht nur gemeinsame Vorgehensweisen zur Einordnung des Biodiversitätsphänomens und der mit ihm verbundenen Problemlandschaft erarbeiten können, sondern man wird ungeachtet der Interessenspluralität auch übergeordnete Ziele definieren können, etwa bei Fragen zur Bedeutung der Biodiversität für eine an Nachhaltigkeit interessierte Gesellschaft oder für den Wert der Biodiversität als Element menschlicher Lebensqualität. In einer konstruktiven Interaktion der beteiligten Partner, die exemplarisch für eine Interaktion zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik steht, wird man eine Balance finden müssen sowohl zwischen den deskriptiven und normativen Elementen in der Debatte, als auch zwischen akademischer Theorie und politischer Praxis, um einen angemessenen Schutz der Biodiversität zu begründen und zu erreichen.

PD Dr. Dirk Lanzerath (Ltg.)
(Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften - DRZE)
lanzerath(at)drze.de

Grundlagen

Der Biodiversitätsbegriff beschreibt seit seiner Einführung sowohl naturwissenschaftliche Tatsachen als auch normative Ansprüche in Form von Wertungen für eine Umwelt- und Naturschutzpolitik. Er wird daher häufig als ein "epistemisch-moralischer Hybrid" bezeichnet. Gleichwohl müssen deskriptive Fragen, wie etwa die, ob eine hohe biologische Diversität zur Stabilität eines Ökosystems beiträgt, von normativen Fragen unterschieden werden. Zur letzteren Gruppe zählen Fragen, wie etwa die, ob die Stabilität eines bestimmten Ökosystems wünschenswert ist und ob der Erhalt von Diversität und Stabilität als moralisch geboten erscheint. Im Rahmen der Biodiversitätsdebatte folgt jedoch aus der Unterscheidung zwischen deskriptiven und normativen Aspekten keineswegs, dass Wissenschaftler, die mit empirisch-quantitativen Methoden arbeiten, sich qualitativer oder normativer Stellungnahme enthalten müssten oder sich nur auf deskriptives Arbeiten beschränken dürften. Wenn jedoch aus den Wissenschaften heraus normativ argumentiert wird – was durchaus wünschenswert ist, wenn man Wissenschaft als Teil unserer Gesellschaft versteht – dann muss aber kenntlich werden, aus welchen Gründen heraus man zu einem entsprechenden Urteil gelangt.

Vor diesem Hintergrund zeigt der Diskurs zur Biodiversität sehr deutlich, dass Deskriptives und Normatives zwar einerseits unterschieden werden müssen, dass andererseits die beiden Aspekte aber unbedingt aufeinander verwiesen und angewiesen sind, gerade dann, wenn es um konkrete Handlungen im Rahmen von Natur- und Biodiversitätsschutz als einer Form politischer Praxis geht. Welche Natur und welche Gestalt von Biodiversität es zu schützen gilt, ist daher nicht in erster Linie eine Frage der wissenschaftlichen Begründung, sondern des ethischen Diskurses, der selbst aber wiederum nicht ohne einen Rekurs auf die vielfältigen deskriptiven Elemente auskommt. Aus der semantischen Unschärfe des Biodiversitätsbegriffs, seinem hybriden Charakter und den Varianzen hinsichtlich der jeweiligen Zielsetzungen der Beteiligten erwächst somit nicht nur eine gewaltige Herausforderung, sondern auch eine enorme Chance, sich auf neue inter- und transdisziplinäre Annäherungen und Herangehensweisen einzulassen, um Biodiversitätsschutz zu begründen. Nur durch eine Reflexion der Methoden- und Perspektivenpluralität wird man in die Lage versetzt, der Biodiversität als einem komplexen Gesamtphänomen Bedeutung verleihen und Begründungsstrukturen für moralisches und politisches Handeln liefern zu können.

Ziele

Für die Arbeitsgruppe werden in Abgrenzung zu den anderen BION-AGs Überlegungen im Mittelpunkt stehen, wie für die gemeinsamen Zielsetzungen in BION die vielfältigen Methoden und Perspektiven produktiv miteinander verschränkt werden können, ob sich auf dieser Basis neue kooperative Arbeitsformen entwickeln lassen und ob sich hieraus übergreifende Aspekte für die Struktur des BION-Netzwerkes ergeben.