AG 5: Ethische Aspekte der Biodiversität

Es gilt als weitgehend unstrittig, dass Biodiversität ein durch menschliche Eingriffe bedrohtes Schutzgut darstellt, das erhalten und gefördert werden muss. Dieser Konsens wird auch darauf zurückgeführt, dass der Biodiversität – neben den zahlreichen Wertdimensionen mit Blick auf den Menschen – auch ein Eigenwert zugeschrieben wird. In der Natur- und Umweltethik werden diese Wertdimensionen kontrovers diskutiert. Zur Frage steht ganz grundsätzlich, ob und warum Biodiversität überhaupt einen Wert darstellt und inwiefern Gründe für eine Verpflichtung zu ihrem Erhalt angeführt werden können. Solche moralphilosophischen Überlegungen sind nicht nur von akademischem Interesse, sondern sollten auch als argumentative Grundlage für gesellschaftliche Abwägungs- und Endscheidungsprozesse fruchtbar gemacht werden, die im Hinblick auf konkrete Maßnahmen und notwendige Einschränkungen zum Schutz von Biodiversität zu treffen sind.

Prof. Dr. Dieter Sturma (Ltg.)
(Institut für Wissenschaft und Ethik - IWE, Deutsches Referenzzentrum
für Ethik in den Biowissenschaften - DRZE)
dieter.sturma(at)uni-bonn.de

Grundlagen

Gegenstand von naturethischen Analysen ist die deskriptive Erfassung und normative Bewertung der Einstellungen und Verhaltensweisen des Menschen zur nicht-menschlichen Natur. Der systematische Schwerpunkt liegt auf der Rekonstruktion konkreter Verhältnisse von Kultur und Natur, wie sie sich etwa beim Umgang mit Landschaft oder sogenannter Natürlichkeit zeigen. Ansätze zum ethischen Schutz von Biodiversität werden jedoch mit verschiedenen Problemlagen konfrontiert. Zum einen ist der Begriff der Biodiversität aufgrund seiner verschiedenen Verwendungsweisen schwierig zu definieren. Zum andern lassen sich kaum verlässliche Voraussagen über die Folgen menschlicher Eingriffe in Ökosysteme machen. Im Zusammenhang mit der Frage nach einem Wert der Natur, deren Beantwortung für die Begründung von Handlungseinschränkungen zum Schutz von Biodiversität maßgeblich ist, gibt es zudem Streit zwischen so genannten anthropozentrischen und nicht-anthropozentrischen Ansätzen: Es ist nach wie vor umstritten, ob Lebensräume und nicht-menschliche Lebewesen nur nutzenorientiert um des Menschen willen zu schützen sind (anthropozentrischer Ansatz) oder ob ihnen auch eine Werthaftigkeit um ihrer selbst willen zugesprochen werden kann (nicht-anthropozentrischer Ansatz). Weil es stets um die Legitimation menschlichen Handelns geht, ist jede Ethik in methodischer Hinsicht anthropozentrisch. Daraus folgt jedoch nicht, dass ethische Anerkennung nur auf den Kreis menschlicher Individuen beschränkt ist. Ethisch entscheidend ist jedoch die Tatsache, dass der Mensch – so weit wir wissen – das bislang einzige Lebewesen mit moralischen Fähigkeiten ist.Begründungen zum Schutz von Biodiversität lassen sich aus asymmetrischen Anerkennungsverhältnissen herleiten, die normative Festlegungen für menschliches Handeln im Interesse von nicht-menschlichem Leben ermöglichen. Da es im Falle von Biodiversität keinen klar identifizierbaren Adressaten moralischer Anerkennung gibt, muss ihr ethischer Schutz an einer Kritik menschlicher Verhaltensweisen sowie einer Revision von Sozial- und Naturverhältnissen ansetzen.

Ziele

Ziel der Arbeitsgruppe ist es, eine naturethische Konzeption zu formulieren, die den Schutz und den Erhalt von Biodiversität rechtfertigungsfähig begründet und das motivationale Potential besitzt, die weitere Vernichtung zu vermeiden. Schädigungen der Umwelt ergeben sich zwar auch aus sozialen Notlagen, sie lassen sich aber vor allem auf exploitatives und an kurzfristigem Nutzen orientiertem Verhalten des Menschen gegenüber der Natur zurückführen. Es soll entwickelt werden, warum und aus welchen normativen Gründen solche Formen der offenen oder versteckten Instrumentalisierung ethisch nicht zu rechtfertigen sind. Die Frage, welche Naturverhältnisse im Kontext von Biodiversität einzunehmen sind, soll im Rahmen eines ethischen Diskurses beantwortet werden, den die Arbeitsgruppe in intensivem Austausch mit Akteuren des praktischen Biodiversitätsschutzes führen will.